Stille als Moderationsmethode: weniger reden und mehr erreichen

Stille als Moderationsmethode für bessere Ergebnisse in Meetings nutzen

Was bitte hat Stille als Moderationsmethode mit produktiver Arbeit zu tun?

Nun, Arbeit steht ja gefühlt niemals mehr still. Wenn wir wollen, können wir jede Sekunde nutzen, um noch schnell was zu schaffen. Mit Smartphone samt KI in der Tasche sind wir alle mehr denn je wahre Produktions-Maschinen geworden.

Mit einem großen Haken. Nur weil wir mehr und schneller machen, heisst das nicht automatisch, dass mehr dabei herauskommt. Eher im Gegenteil. Je dichter wir Gedanken, Lösungen, Entscheidungen produzieren, desto unproduktiver werden wir.

You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics (Nobelpreisträger Robert Solow)

Was Robert Solow schon 1987 in Worte fasste, zeigt sich aktuell mehr denn je als sogenanntes „AI productivity paradox“. KI macht Arbeit schneller. Sie nimmt Reibung aus Prozessen.

Doch leicht fällt etwas hintenüber, das darüber entscheidet, wie brauchbar die Ergebnisse sind: tieferes Verständnis.

Stille als Gegenpol zum Produktivitätsparadox

Viele unserer Arbeitskontexte – Meetings, Workshops, 1:1 Gespräche – folgen heute derselben Logik wie KI-gestützte Tools:

  • sofort reagieren
  • kontinuierlich sprechen
  • lückenlos weiterarbeiten

Doch wenn keine Zeit mehr bleibt, sich wirklich zuzuhören und Gedanken miteinander zu verbinden, dann sind die meisten Zusammenkünfte leider umsonst.

Die Ergebnisse der Atlassian Studie zeichnen ein ernüchterndes Bild:

  •  80 Prozent der Befragten halten ihre Meetings in der Regel als wenig zielführend.
  • 71 Prozent der Meetings bleiben ergebnislos, sodass ein Nachfolgetermin notwendig ist

Was wir also im Arbeitsalltag händeringend benötigen, ist ein wirksamer Gegenpol. Etwas, um immer mal wieder rauszukommen aus dem allgegenwärtigen Produktivitätsparadox.

10 Sekunden Stille für mehr Klarheit

Neulich im Seminar „Schwierige Gespräche leichter führen“. Eine teilnehmende Führungskraft berichtete von einer Mitarbeiterin, an die er einfach nicht rankommt. Er litt darunter, dass sie ihre Aufgaben nur teilweise erledigt und er trotz diverser Gespräche nicht versteht, was dahintersteckt.

Sie hatten schon viel miteinander geredet, doch weitergekommen waren sie trotzdem nicht. Ein schönes Beispiel für „mehr ist nicht gleich besser“. In diesem Fall brauchte es weniger. Viel weniger!

Nachdem wir uns mit Gesprächs- und Fragetechniken beschäftigt hatten, simulierten wir das Gespräch mit der Mitarbeiterin.
Der Rest der Seminargruppe beobachtete das Geschehen und schnell wurde klar: hier fehlte es nicht an Redekompetenz. Im Gegenteil – es fehlte an „Nicht-Reden-Kompetenz“. Denn die vielen guten Fragen, die die Führungskraft in petto hatte, feuerte sie förmlich ab. Eine nach der anderen.

Komplette Mangelware waren hingegen Pausen. Es gab förmlich nicht eine stille Sekunde, in der die Mitarbeiterin überhaupt hätte antworten können.

Während wir Stille vielfach mit Stillstand assoziieren, fristet ihre andere Natur bei der Arbeit ein Nischendasein.
Stille kann nämlich sehr aktivierend und sogar regulierend wirken, wenn wir sie bewusst nutzen.

Im konkreten Beispiel machten schon 10 stille Sekunden im Anschluss an die Frage „Was beschäftigt Dich gerade wirklich“?“ einen Unterschied. Sie ermöglichten der Mitarbeiterin, endlich mal zu Wort zu kommen.

Wenn alle gleichzeitig denken: Stilles Brainstormen als produktive Alternative

Gerade bei verzwickten, herausfordernden Fragestellungen kannst Du als Führungskraft oder in der Moderation mit Stille einen entscheidenden Unterschied machen. Anstatt sofort einen lebhaften Austausch zu eröffnen, schaffst Du mit einem stillen Rahmen die Möglichkeit, wirklich innezuhalten und gedanklich abzutauchen. Nicht schnelle Reaktionen stehen dann im Vordergrund, sondern die Qualität des Denkens.

Konkret kann das so aussehen:

  • Du formulierst eine klare Frage und gibst fünf Minuten Zeit, in denen alle gemeinsam – aber still – nachdenken.
  • Anschließend notieren die Teilnehmenden ihre Gedanken ebenfalls still auf Post-its und teilen sie an der (digitalen) Metaplanwand.
  • In einem weiteren stillen Schritt werden alle Beiträge gelesen und geclustert, bevor zum Abschluss Erkenntnisse laut geteilt und in Kleingruppen weiter verdichtet werden.

Ist dieses Vorgehen ungewohnt und manchmal unbequem? Ja.
Erfordert es Dein bewusstes Aushalten von Stille? Absolut.

Doch genau darin liegt die Wirkung: Stilles Brainstormen verlangsamt den Prozess gezielt – und ermöglicht Dir, Deinem Team zu Ergebnissen mit mehr Vielfalt und Klarheit zu kommen.

Atmen statt zu beschleunigen: Kurze Atemübungen zur Regulation nutzen

Während die 10 stillen Sekunden und das stille Brainstormen die Intention haben, zu konkreten Ergebnissen zu aktivieren, lässt sich auch noch eine ganz andere Intention mit Stille erreichen: das ruhige Regulieren. Bewusst innehalten, still werden und eben nichts leisten oder mental produzieren.

Vertraut ist das schon vielen als Einzelübung, zum Beispiel mit einer Tasse Kaffee am Fenster stehen und 5 Minuten lang bewusst ein- und ausatmen. Der klärende Effekt verstärkt sich, wenn ich diese Übung gemeinsam mache, zum Beispiel eine stille Minute zu Beginn eines Meetings. Als Führungskraft oder Moderation kannst Du das anmoderieren mit „Schön, dass ihr alle da seid. Bevor wir in die Agenda starten, lade ich euch ein, 60 Sekunden still zu sein, tief ein- und auszuatmen. Werdet euch bewusst, wie ihr hier seid und kommt damit ganz an im Meeting.“ Dann stellst Du einen sichtbaren Timer auf eine Minute – wenn Du fertig gesprochen hast, so dass die stille Minute auch wirklich ihren Namen verdient.

Es geht zwar nur um 60 Sekunden, doch wird das für viele sehr ungewohnt sein, so dass Du etwas Mut aufbringen darfst, es mal in einem Meeting auszuprobieren. Leite es doch auch genauso ein: „Ich möchte mal etwas mit euch ausprobieren, das es uns erleichtert, uns auf dieses Meeting und die wichtigen Themen zu fokussieren. Es ist wahrscheinlich ungewohnt, doch es könnte uns andererseits auch gut tun.“

Erst still, dann sprechen: 5 Minuten für bessere Entscheidungen

Wenn Du Erfahrung gesammelt hast mit 60 stillen Sekunden, wie wäre es dann mit dem Fortgeschrittenen-Level? Mach doch mal 5 ganze, meditative Minuten daraus!
Du kennst das vielleicht: wichtigen Entscheidungen geht oft eine intensive Diskussion voraus. Meinungen und Emotionen fliegen munter durch den Raum. Jede:r ist auf seine Weise aufgewühlt. Manche möchten einfach nur noch, dass das Meeting endet. Das führt mitunter zu halbherzigen oder oberflächlichen Entscheidungen, deren Auswirkung oft erst am nächsten Tag oder viel später sichtbar wird.
Die berühmte „Nacht drüber schlafen“ wäre eine hilfreiche Intervention vor dem Fällen der Entscheidung. Doch wenn die nicht umsetzbar ist, dann können auch schon 5 stille, gemeinsame Minuten einen wohltuend klärenden Effekt haben.

Moderiere auch hier wieder bewusst an: „Wir haben jetzt viele Meinungen gehört, die in unsere Entscheidung gleich einfließen. Nehmen wir uns doch jetzt noch 5 Minuten, damit sich alles etwas setzen kann und wir eine klare Entscheidungsbasis haben. Dafür lade ich euch ein, euch zu setzen. Atmet einmal tief ein und aus. Und dann beobachtet 5 Minuten lang still die Gedanken, die euch durch den Kopf gehen. Ihr braucht gar nichts damit zu machen, außer sie zu beobachten und dann wieder loszulassen. Wie Wolken, die am Himmel weiterziehen. Schließt dafür die Augen oder lasst sie auf, ganz wie ihr mögt. Ich gebe euch nach 5 Minuten ein Zeichen und dann machen wir weiter.“

Das wird sich vermutlich gerade beim ersten Mal unbequem anfühlen – sowohl für das Team als auch für Dich. Doch Stille ist wie ein Muskel. Je mehr ihr ihn gemeinsam trainiert – desto leichter wird es und desto deutlicher tritt die positive Wirkung hervor.

Warum Stille Zusammenarbeit verbessern kann

Stille kann als willkommener Gegenpol dienen. Gerade weil sie unseren üblichen Arbeitsrhythmus unterbricht. Denn sie schafft einen Raum, in dem wirksame Ergebnisse und Lösungen überhaupt erst entstehen können. Als bewusst eingesetzte Methode hilft sie, Produktivität nicht über Tempo, sondern über Klarheit zu erreichen.

Während ad-hoc Stille schnell als unangenehm empfunden wird, kann die anmoderierte Stille genau den Platz schaffen, der uns Schritt für Schritt verloren gegangen ist.

Eine Studie aus der qualitativen Forschung (Müller, Tavares & Simão, 2024: 𝘏𝘰𝘸 𝘚𝘩𝘰𝘶𝘭𝘥 𝘞𝘦 𝘐𝘯𝘵𝘦𝘳𝘱𝘳𝘦𝘵 𝘚𝘪𝘭𝘦𝘯𝘤𝘦 𝘪𝘯 𝘘𝘶𝘢𝘭𝘪𝘵𝘢𝘵𝘪𝘷𝘦 𝘊𝘰𝘮𝘮𝘶𝘯𝘪𝘤𝘢𝘵𝘪𝘰𝘯 𝘚𝘵𝘶𝘥𝘪𝘦𝘴?) zeigt:  

Wenn es uns gelingt, im Arbeitskontext auch mal miteinander zu schweigen, passiert oft mehr als beim Reden:  
• Gedanken werden sortiert  
• Bedeutungen überprüft
• Emotionen reflektiert
• Entscheidungen vorbereitet

Besonders spannend:  Stille trägt messbar zu Vertrauen, Engagement und tragfähigeren Entscheidungen bei – gerade in komplexen oder sensiblen Gesprächen.

Einfach mal Stille als Moderationsmethode nutzen?

Ich gebe offen zu: ich habe einige Zeit gebraucht, diese ungewöhnliche Form der Moderation wirklich einzusetzen. Anfangs habe ich zum Beispiel 60 stille Sekunden anmoderiert und es dann selber nicht geschafft, die Klappe zu halten… Die inneren Hürden waren einfach zu groß. Es brauchte einiges an „über meinen Schatten springen“, bis ich wirklich gelernt habe, dass Stille und Produktivität sich nicht ausschließen, sondern sich im Gegenteil positiv verstärken können.

Was mir geholfen hat: es ganz schlicht und einfach zu üben. Mit Methode und ganz bewusst. Dadurch durfte ich dann immer wieder erleben, wie viel Wirkung die Stille bringt – sowohl aktivierend als auch regulierend.

„Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause.“ (Elizabeth Barrett Browning)

Geht es Dir darum, wirklich tragfähige Ergebnisse zu erreichen und nicht nur miteinander beschäftigt zu sein? Dann habe ich Dich mit diesem Artikel hoffentlich ermutigt, Stille konkret und bewusst einzusetzen.

Schreib mir doch mal, welche Erfahrungen Du damit machst: E-Mail an Gesine

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Gesine Engelage-Meyer Change Coach Trainerin Moderatorin

Ich bin übrigens Gesine, unverbesserliche Optimistin, die fest daran glaubt, dass Menschen bereit sind, sich zu verändern und eng zusammenzuarbeiten… wenn man sie auf dem richtigen Fuß erwischt.

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